Die Tutzinger Gilde und der Trachten- und Schützenumzug zum Oktoberfest

Der Traum fast jeden Trachtlers ist die Teilnahme am Trachten- und Schützenumzug zur Eröffnung des Oktoberfestes. Rund 8000 Mitwirkende präsentieren am ersten Wiesnsonntag eine bunte Trachten-, Brauchtum- und Volkstanzvielfalt quer durch die Münchner Innenstadt. Darunter befinden sich nicht nur bayerische Vereine, sondern auch Gruppen aus ganz Deutschland und Europa, die mit ihren außergewöhnlichen Trachten und Spielmannskapellen den Umzug besonders sehenswert machen.

Wiesnumzug1

Der Trachten- und Schützenzug wurde im Jahre 1835 zum ersten Mal abgehalten – damals zu Ehren der Silberhochzeit von König Ludwig I und Therese von Bayern. Seit 1950 ist er fester Bestandteil des Oktoberfestes – und seit 1978 ist die Tutzinger Gilde alle zwei Jahre dabei. Dabei sah es zu Beginn der Wiedergründung der Gilde im Jahr 1975 gar nicht danach aus, als dürften wir jemals am Umzug teilnehmen.

Die Auswahl der Gruppen unterliegt sehr strengen Kriterien, der Festring München läßt nicht jeden mitmarschieren, so muß u. a. das G´wand historisch oder nach historischen Vorbildern gefertigt sein.

Beim Schreiben der Chronik der Tutzinger Gilde berichtete mir Georg Sigl sen. von den Aufregungen, die es um die erste Teilnahme der Gilde am Trachtenumzug gab. Als die Gilde 1975 wieder gegründet wurde, auch und vor allem im Hinblick auf die im Sommer 1975 seit langem wieder stattfindende Fischerhochzeit, ließen sich fast 50 trachtenbegeisterte Tutzingerinnen einkleiden. Es mußte alles schnell gehen, und wohl hauptsächlich aus diesem Grund  hatten sich die Frauen für ein einheitliches Dirndl entschieden, aus bedrucktem Baumwollstoff, und man konnte zwischen rosa und hellblau wählen. Eine Kopfbedeckung gab es noch keine.

Die Männer ließen sich bereits nach historisch belegten Vorbildern Wiesnumzug2braune Joppen, rote Westen und die sog. Stopselhüte fertigen, an denen sich bis heute auch fast nichts geändert hat. Natürlich war man ehrgeizig, hatte viel Freude an der Tracht und schnell kam die Idee auf, sich für die Teilnahme am Münchner Oktoberfestumzug zu bewerben.

Dank der Initiative von Ingrid Cavada lud der Festring die Gilde auch tatsächlich zur Teilnahme ein. Diese war aber mit einer Auflage verbunden: die Damen hatten sich historische Gewänder anzuschaffen, eine Teilnahme im später unter den Mitgliedern fast Wiesnumzug3liebevoll genannten „Matratzendirndl“ (der Stoff erinnerte tatsächlich etwas an diese alten, dreigeteilten, mit Stoff bezogenen Matratzen) war nicht erlaubt.

Das bestärkte die bereits seit 1976 im Verein aufgetretenen Bestrebungen einzelner Frauen, sich historische Gewänder fertigen zu lassen. Für die Teilnahme am Oktoberfestzumg war das natürlich alles zu knapp, und so liehen sich eine ganze Anzahl der Frauen historische Trachten aus dem Kostümverleih Heiler in München aus. Die Kosten beliefen sich lt. Chronik damals auf DM 1.040,00. Auch meine Mutter hatte sich so ein „Kostüm“ ausgeliehen. Wie man auf den Bildern sieht, waren es teilweise auch nicht alles echte „Fischertrachten“, aber der Festring war zufrieden, und wir durften teilnehmen.

lederers.jpgEin großes Erlebnis für den ganzen Verein, jeder, der damals teilgenommen hat, berichtet noch heute stolz davon. Bereits bei der ersten Teilnahme führten wir unseren historischen Fischerkahn, aufwändig mit Buchs und Blumen geschmückt, mit.

Seit 1978 ist die Gilde nun alle zwei Jahre beim Umzug dabei. Die Teilnahme nur jedes zweite Jahr rührt daher, dass auch die Starnberger und die Bernrieder Trachtler am Umzug teilnehmen, und da die Fischertracht natürlich in allen Orten sehr ähnlich bzw. teilweise identisch ist, dürfen wir nicht alle gleichzeitig teilnehmen. Wenn man sieht, dass sich jedes Jahr hunderte von Gruppen aus ganz Europa und auch Übersee mit den verschiedensten Trachten für eine Teilnahme bewerben, hat man dafür Verständnis.

Die Vorbereitungen für die Teilnahme laufen jedes Mal schon Monate vorher auf Hochtouren. Die wichtigste Frage: werden wir auch wirklich wieder eingeladen ? Eine Nachfrage bei Karl Wiedemann, 1. Vorsitzender der Vereinigung historischer Trachten in Altbayern, Mit-Organisator des Trachtenumzuges und alter Freund der Tutzinger Gilde, beruhigt da oft. Doch sicher ist es nie: der Festring ist sehr streng, die Auflagen sind hoch, und wenn man unangenehm auffällt, ist eine erneute Teilnahme in Frage gestellt. Die Kontrolleure des Festringes gehen dabei wirklich durch den Zug und schauen sich die Trachtler an:

Gilde WiesnSchiffUnser Schiff, den wir seit 1978 jedes Mal mitführen, ist immer ein Publikumsmagnet. Es ist aber auch wirklich ein wunderschönes Bild, dieser alte Holzkahn, liebevoll restauriert und mittlerweile sogar vom Alfons Kuisl mit einem Türl versehen, zum leichteren Einsteigen, mit Buchsbögen geschmückt und einem großen Blumengesteck auf der Rückseite verziert, gezogen von den Pferden von Familie Holzer aus Diemendorf. In Tracht darin zu sitzen und nicht laufen zu müssen, ist durchaus ein Privileg.

Das Schmücken des Schiffes beginnt schon eine Woche vor dem Umzug: es müssen Buchs und Daxn geschnitten werden, die Blumen werden bestellt, am Freitag trifft sich alles im Baufhof zum Girlanden und Blumensträußchen binden,  am Samstag wird der Wagen, auf dem sich das Schiff befindet, mit Tüchern, Fischen aus Blech und Girlanden geschmückt, das Blumengesteck wird gefertigt und der Wagen wird schließlich auf einen Tieflader der Gemeinde verladen. Da helfen alle Gildenmitglieder mit. Die Kinder spielen zwischen den Daxn-Haufen, und der Baumann Fritz mit seinen 90 Jahren sitzt auf einem Schemel und schneidet den Buchs zu. Zum Lohn gibt es im Anschluß immer Kaffee und Kuchen für alle in der Küche des Bauhofes.

Der Transport erfolgt immer Sonntag früh um 6 Uhr – mit einer Sondergenehmigung des Festringes, denn die Münchner Innenstadt ist an diesem Tag für den sonstigen Verkehr gesperrt. Rudi Sigl sen. hat dabei  immer die Oberaufsicht und begleitet unseren Wagen nach München.

Aufstellung DaferlbuaDer Umzug hat ein ganz besonderes Flair. Die Aufstellung erfolgt meist im Lehel direkt an der Isar. Man sieht und hört die unterschiedlichsten Trachten- und Musikgruppen. Pferde werden im Kreis geführt, man stellt sich noch ein letztes Mal an den zahlreichen Toiletten an – man muß schließlich 7 km Weg durchhalten (!) – und dann erfolgt die Aufstellung der Gruppe, in Breiten von fünf Mann bzw. Frau, denn der Zug darf nicht zu lang werden, ganz vorn der Taferlbua, der das Taferl mit der Aufschrift „Tutzinger Gilde“ trägt (ein sehr begehrter Job, denn schließlich gibt es für den langen Weg € 5,00 Tragelohn vom Verein), dann die Fahne mit Begleitern, dann alle Kinder, die Jugendlichen, die alte Tracht, und den Abschluß bildet unser Schiff.

AufstellungZum Wiesnumzug ist der ganze Verein auf den Beinen, wir sind immer im Schnitt um die hundert Trachtler, und teilweise sieht man Gildenleut, die man sonst das ganze Jahr nicht sieht. Der Zug durch München ist aber auch wirklich einzigartig: Man läuft auf der Brienner Straße, an der Feldherrnhalle vorbei, auf Straßen, die man sonst nur mit dem Auto befahren darf, und an den Seiten jubelnde und klatschende Menschen. Ich möchte dieses Erlebnis selbst nicht missen. An Attraktionen mangelt es  nicht beim größten und schönsten Trachtenzug der Welt: Wo sonst bekommt man auf einen Blick auf soviel gepflegtes Brauchtum aus ganz Deutschland und europäischen Nachbarländern. Heuer kommen Trachten- und Musikgruppen aus Österreich, San Marino, Slowenien, Polen, Norwegen, Südtirol, Ungarn und Spanien.

Auf sieben Kilometern – von der Maximilianstraße bis zur Theresienwiese – präsentieren sich rund 9000 festlich gekleidete Teilnehmer, dabei wechseln sich Trachtengruppen mit Sport- und Gebirgsschützen, Musikkapellen, historischen Gruppen, Spielmanns- und Fanfarenzügen, sowie bunten Fahnenschwingern ab, und neben den Prachtgespannen der Münchner Brauereien runden schön geschmückte Kutschen und Festwagen mit Hanswerks- und Brauchtumsdarstellungen das farbenfrohe Schauspiel ab. Das „Münchner Kindl“ führt den Zug hoch zu Ross an, der Bayerische Ministerpräsident und der Münchner Oberbürgermeister  fahren in Festkutschen mit.

Die Mühe für den langen Marsch wird dann auf der Wiesn angekommen mit reservierten Plätzen in einem Festzelt und einem halben Hendl und einer Maß bzw. Apfelschorle belohnt. Und meist dauert dieser Wiesnsonntag für alle etwas länger… Man muß schließlich die Teilnahme gebührend feiern !

Mühsam ist dann nur der Montag: wenn die treue „Abbau“-Gruppe der Gildenfrauen und -männer rund um Reinhard Lauerer dann das Schiff wieder abschmückt, alles verstaut, aufräumt und das Schiff zurück ins Lager bringt. Das sieht niemand, und es muß trotzdem gemacht werden.

Hinweisen möchten wir gerne noch auf folgendes:
Das Oktoberfest jährt sich heuer zum 200. Mal. Auf dem Südteil der Theresienwiese lädt eine kleine nostalgische Zeltstadt vom 17. September bis zum 4. Oktober 2010 die Gäste der Jubiläums-Wiesn täglich zu einem Besuch ein. In einem Museumszelt gibt es historische Fahrgeschäfte und Belustigungen von anno dazumal zu sehen und auch zum Ausprobieren. Historische Schaustellerorgeln, Zug- und Dampfmaschinen werden in einem weiteren Zelt ausgestellt. Ein Zirkuszelt wird zum Velodrom, wo in der Manege Fahrradfahrer auf historischen Radln ihre Runden drehen.

In einem historischen Bierzelt mit Platz für 3.500 Personen soll es traditionelle Gerichte geben; auf zwei Musikpodien und einem Tanzboden wird auch für zünftige Unterhaltung gesorgt sein. In Planung ist ein Theaterzelt für Kabarett und Darbietungen moderner bayrischer Volksmusik. Jeden Tag treten verschiedene Trachtengruppen auf und präsentieren ihr Können: Die Jugendtanzgruppe und die Erwachsenentanzgruppe der Gilde sind am Donnerstag, den 23. September 2010 mit von der Partie und tanzen sowohl vormittags als auch nachmittags auf der historischen Wiesn.

Wir freuen und auf zahlreiche Fans aus Tutzing !

© Carola Falkner 2010

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